„Chronisch krank – und trotzdem fabelhaft“: Interview mit Samira Mousa aus Berlin

Samira möchte mit Ihrem Blog die Menschen dort abholen, wo sie noch vor einigen Jahren stand, als vor drei Jahren bei Ihr Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert wurde. Sie suchte verzweifelt nach einer Stimme im Internet, die ihr sagt: „Es geht weiter! Du bist nicht allein, dein Leben ist nicht vorbei!“. Mit Ihrem Blog chronisch-fabelhaft.de möchte Sie das Thema MS enttabuisieren, denn niemand kann etwas dafür, dass er*sie diese Krankheit hat.

Das Feedback auf ihren Blog ist bereits nach wenigen Monaten überwältigend für sie, und so sitzt sie nicht selten bis tief in die Nacht hinein vor dem Rechner, um die langen, persönlichen und intensiven Mails und Kommentare zu beantworten.

Samira Mousa

Im Interview spricht Samira Mousa über ihre neue Liebe und Multiple Sklerose (MS)

Online-Redaktion: Wann hast Du deine Liebe zum Bloggen entdeckt?

Ich habe schon immer gerne geschrieben und auch mit dem Beruf als Journalistin geliebäugelt. Konkret haben mich zwei Blogs dazu gebracht, selbst als Bloggerin zu starten: Planet Backpack und um180grad. Hier lernte ich nicht nur die Liebe zum Bloggen, sondern auch wie viel Arbeit und Selbstdisziplin dazu gehört, wenn man einen professionellen Blog aufziehen möchte.

Online-Redaktion: Wie sieht die erste Stunde Deines Tages aus?

Ich treibe gerne Sport, also startet mein Tag meistens im Fitnessstudio. Danach Frühstücke ich auf dem Balkon in der Sonne, sofern sie denn mal scheint.

Online-Redaktion: Wie fühlt sich ein MS Schub an?

Das ist so vielfältig, dass eine Antwort, die alle möglichen Symptome abdeckt, den Rahmen sprengen würde. Einige typische Symptome sind Taubheitsgefühle in den Armen oder Beinen, das Sehen von Doppelbildern und chronische Müdigkeit. Weiterführend kann ich euch diesen Artikel von mir sehr ans Herz legen, der die möglichen Schubsymptome ausführlicher beschreibt.

Online-Redaktion: Wie war Dein Weg bis zu dem Zeitpunkt heute?

Wenn sich das auf die Krankheit bezieht: Ich hatte drei relativ leichte Schübe, die mich glücklicherweise nicht sehr beeinträchtigen. Schlimmer ist, was eine solche Diagnose mit der Psyche macht. Ein Jahr lang lebte ich quasi ständig in der Angst, morgen nicht mehr gehen zu können. Nach und nach merkte ich aber, dass diese Angst mich nur runterzieht und belastet (und zudem auch relativ unbegründet ist) und begann meine Einstellung zur MS zu überdenken. Ich trainiere täglich meine positive Einstellung zum Leben und zu der Krankheit. Das ist nicht leicht, aber so unendlich wichtig.

Online-Redaktion: Welche Hoffnung hast Du und welche Hoffnung hast Du aufgegeben?

Ich finde Hoffnungen immer etwas schwammig und arbeite deswegen lieber mit Plänen und (Etappen)-Zielen. So kann ich besser meinen eigenen Fortschritt erkennen und habe Gründe, stolz auf mich zu sein. Ich wüsste gar nicht, was ich hoffe. Und die Hoffnung aufzugeben kommt mir schon gar nicht in die Tüte.

Online-Redaktion: Welcher Mensch kommt Dir in den Sinn, wenn Du das Wort Erfolgreich hörst?

Da denke ich sofort an Conni Biesalski . Vor allem, wenn man wie ich davon überzeugt ist, dass Erfolg nicht heißt, dass man finanziell reich ist – sondern dass man mit dem, was man liebt, sein Leben verbringt und gleichzeitig anderen dabei hilft, auch ihren Weg so zu gestalten, wie es ihnen am besten tut.

Online-Redaktion: Was würdest Du heute Deinem jüngeren Selbst empfehlen?

Weniger Ängste vor dem Urteil anderer zu haben, und meinen Körper mehr zu lieben. Daran arbeite ich immer noch, und es ist immer noch oft sehr schwer – aber ich hätte damit gerne schon fünfzehn Jahre früher angefangen, dann wäre ich wohl heute schon weiter.

Online-Redaktion: Wenn Du einen Deiner Sinne abgeben müsstest – hören, sehen, fühlen – welcher wäre das?

Ich würde wohl das sehen abgeben. Nicht mehr zu fühlen, da bräuchte ich ja gar nicht mehr zu existieren. Und ich denke, dass man oft viel zu sehr aufgrund von Äußerlichkeiten urteilt. Darauf würde ich wohl am ehesten verzichten können. Aber auf hören und gute Gespräche, darauf möchte ich nicht verzichten.

Online-Redaktion: Reist Du gerne? Wenn ja wohin und warum?

Ich liebe es zu reisen!! Am liebsten minimalistisch mit Handgepäck und in warme Länder. In den letzten Jahren war ich in Kolumbien, Nicaragua, Malaysia, Mexico, Panama… Außerdem gehe ich sehr gerne wandern. Die Schönheit der Landschaft in Galizien hat mich auf meinem letzten Jakobsweg sehr beeindruckt und berührt.

Online-Redaktion: Wofür bist Du dankbar?

Für meine Gesundheit, so komisch das klingen mag. Ja, ich habe Multiple Sklerose, aber bisher eine milde Verlaufsform – und es ist ja keine direkt tödliche Krankheit. Schlimmer geht immer, quasi… Außerdem bin ich sehr dankbar für meine wunderbaren Eltern, meinen Freund, meinen Bruder und meine engsten Freund*innen. Diese Personen sind mein Sicherheitsnetz, und ohne sie wäre ich nichts.

Online-Redaktion: Welche 3 Menschen haben Dich am meisten beeinflusst?

Meine Mutter, von der ich meinen Freiheitsdrang und meine Liebe zur Natur habe. Meine besten Freundinnen, weil sie immer an mich glauben, egal was ich mir wieder neues einfallen lasse.

Online-Redaktion: Welches ist dein Lieblings-Blog-Artikel?

Am liebsten mag ich den Artikel, in dem ich meinen Leser*innen erkläre, warum ich beschlossen habe, über Multiple Sklerose zu bloggen. Es war auch einer der ersten Artikel, die richtig durch die Decke gingen im Hinblick auf die Reichweite, was mich sehr gefreut hat. Manche Menschen verstehen nicht, warum man eine chronische Erkrankung öffentlich macht. Sowas gehört sich ja nicht, finden manche. Ich denke aber, dass viel zu wenige Menschen sich aus genau diesem Grund trauen, offen mit einer Krankheit umzugehen. Es wird schnell vergessen, dass Betroffene nichts für die Krankheit können.

Online-Redaktion: Wenn Du eine Stadt wärst, welche wäre das und warum?

Ich bin Berlinerin, deswegen liegt Berlin natürlich nahe. Die Kombination aus großartigen Restaurants, einem pulsierenden Nachtleben und eine unendliche kulturelle Vielfalt, das liebe ich sehr. Außerdem braucht man gerade mal eine halbe Stunde, um im grünen zu sein und die Stadt hinter sich zu lassen, was mir auch sehr wichtig ist. Nur den Winter, auf den kann ich verzichten.

Online-Redaktion: Wen Folgst Du am liebsten auf Twitter, Facebook und Instagram?

Ich folge natürlich den anderen MS Blogger*innen, um zu sehen wie es meinen „Kolleginnen“ so geht. Außerdem oben genannten Blogs, und ich schaue mir gerne Fotos von Reisen aus aller Welt an. Ich nutze Instagram  vor allem um mir schicke Bilder von leckerem Essen anzusehen, oder um mich in die Ferne zu träumen. Twitter nutze ich nicht, und über Facebook lasse ich mich informieren, wenn auf einem meiner liebten Blogs ein neuer Artikel erscheint.

Online-Redaktion: Wer darf Dir sagen, dass Du falsch liegst?

Ohne dass ich beleidigt bin? 😉 Mein engstes Umfeld. Ich muss zugeben, dass ich was Kritik angeht noch eine recht dünne Haut habe. Glücklicherweise bin ich Fan des offenen Gesprächs, und so lässt sich vieles mit mir in Ruhe klären, auch wenn ich im ersten Moment vielleicht verletzt oder schroff reagiere.

Online-Redaktion: Was sind deine größte Blogger-Fehler?

Anfangs habe ich viel zu lange Texte mit zu wenigen Absätzen geschrieben. Wenn ich heute auf so einem Blog lande, dann mache ich meist gleich wieder kehrt. Ein Artikel sollte gut strukturiert und knackig zu lesen sein. Keine wirkliche Nische zu haben ist auch ein Anfängerfehler, den ich bei meinem ersten Blogversuch machte. In einem solchen Fall kann es sehr frustrierend sein, da man das Gefühl hat, man schreit in die Welt hinaus – und keiner hört einen.

Online-Redaktion: Hast Du Angst vor dem Tod?

Nö, nicht wirklich. Den bekomme ich ja selbst nicht mehr mit. Ich möchte aber gerne noch ein paar Dinge erledigen, bevor ich abtrete.

Online-Redaktion: Welche Ziele hast Du in Deinem (Berufs-)Leben?

Ich möchte die nächsten Jahre ortsunabhängig arbeiten und dort leben, wo es mir gefällt. Ich hätte außerdem gerne mal ein Hostel oder ein Bed & Breakfast, da ich passionierte Gastgeberin bin.

Online-Redaktion: Wo siehst Du dich 5 Jahre von Heute in der Zukunft?

Fit wie ein Turnschuh in Lateinamerika, beim Aufbau meines eigenen Hostels oder beim ausleben eines Berufs, von dem ich vielleicht jetzt noch gar nicht weiß, dass er mir liegt und Spaß macht. Außerdem möchte ich gerne mal ein Buch über meine Erfahrungen im Umgang mit Multipler Sklerose schreiben. Wenn dieses Buch auch nur einer einzigen Person dabei hilft, mit der Krankheit besser zu leben, dann wäre das doch das größte, oder?

Online-Redaktion: Was hast du in den kommenden 12 Monaten geplant?

Eine ganze Menge an tollen Reisen! Ich werde im September 560km zu Fuß auf dem Jakobsweg in Spanien pilgern. Danach geht es für ein paar Monate nach Asien, und dann nach Lateinamerika. 

Online-Redaktion: Was sind deine persönlichen 3 Tipps für den Start als Blogger/in?

  1. Sei ehrgeizig: Für mich der wichtigste Tipp. Von nichts kommt nichts, so einfach ist das.
  2. Sei neugierig und lernbereit! Brenne für dein Projekt. Sieh jede neue Herausforderung als weitere Leiterstufe nach oben an.
  3. Hör auf immer nur nach oben zu schauen. Vergleiche deinen neu geborenen Blog nicht mit einem, der mehrere tausend Follower hat – das demotiviert.

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Dir für das tolle Interview und wünsche Dir sehr viel Spaß bei deiner Weltreise. Du bist ein wundervoller Mensch, mach bitte weiter so!

Viele Grüße

Christian

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Picture by Erik Schütz / GoodBY

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9 Kommentare zu “„Chronisch krank – und trotzdem fabelhaft“: Interview mit Samira Mousa aus Berlin

  1. Ich ziehe meinen Hut vor Samira. So eine tolle und lebensbejahende Frau. Vielen Dank für das Interview. Samira ich wünsche dir eine tolle Pilgerreise, Bleib wie du bist!

  2. GROSSEN RESPEKT, Samira!

    So positiv und lebensfroh – genau so soll’s doch sein 🙂 Ich hoffe, du kannst ganz viele Menschen da draussen motivieren und ihnen hoffnung geben <3

    mach weiter so 🙂

  3. Liebe Samira,

    vielen Dank für das tolle Interview und meinen größten Respekt für deine Offenheit und wie Du mit der Krankheit MS umgehst. Ein Freund von mir leidet auch unter MS daher kenne ich die Krankheit sehr gut. Ich wünsche Dir weiterhin alles Gute!

    Viele Grüße
    Andreas

  4. Tolle Bewunderswerte Frau! Ich wusste noch sehr wenig über die Krankheit und habe jetzt wirklich einen guten Einblick in den Alltag bekommen!

  5. Toller Beitrag! Ich finde es unheimlich wichtig über solche Themen zu sprechen. Das macht anderen Betroffnen Mut 🙂
    Liebe Grüße
    Nadine

  6. Ein tolles und Mut gebendes Interview! MS kann eine furchtbare Krankheit sein- ich kenne Leute, die sich davon ihr gesamtes Leben bestimmen lassen (müssen). Es kann sich ja in so vielen Formen zeigen.
    Schöne Worte jedenfalls. Ganz viel Erfolg, Samira!

    Liebe Grüße,
    Laurel

  7. Schönes Interview! Ich finde es wichtig, dass solche Themen ausgesprochen werden. Viele suchen danach im Internet und finden nur wenig dazu. Wenn man persönliche Berichte liest, dann ist alles viel motivierender. Danke für die Einblicke liebe Samira.

    liebe Grüße

    Anna  

  8. Respekt habe ich vor ihr. Mehr fällt mir dazu fasst nicht ein!

  9. Ein Beitrag der für Gänsehaut sorgt. Ich wünsche Samira für ihre Reise und vor allem für ihre Gesundheit Kraft, Durchhaltevermögen und viel Energie!

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